Dass das Berufsethos von Ärzten hinter ihrer hohen Verantwortung um keinen Millimeter zurückbleiben darf, ist ein mindestens zweieinhalb Jahrtausende alter Hut. Als erste grundlegende Formulierung einer ärztlichen Standesethik gilt der „Eid des Hippokrates“, benannt nach Hippokrates von Kós (um 460 bis 370 v. Chr.), auf den fortan bis Mitte des 20. Jahrhunderts feierlich geschworen wurde, obwohl er stellenweise längst reichlich Staub angesetzt hatte. Welcher neuzeitlich aufgeklärte Geist mochte schon noch Apollon und alle sonstigen olympischen Götter zu Zeugen eines Schwurs anrufen, „rein und fromm“ zu bleiben, seinen Professor „gleich meinen Eltern zu achten, ihm, wenn er in Not gerät, von dem Meinigen abzugeben, und seine Nachkommen gleich meinen Brüdern zu halten“?
Um eine zeitgemäße Neufassung des Eids bemühte sich der Weltärztebund: Auf seiner 2. Generalversammlung im September 1948 verabschiedete er die „Genfer Deklaration“, die seither zwar mehrere kleinere Revisionen erlebte, in ihren Grundzügen aber bis heute als das moralische Fundament ärztlichen Tuns gilt – nachzulesen beispielsweise auf den Internetseiten der Bundesärztekammer. Und darin finden sich zwei Sätze, die beim ersten Hinhören nach banalen Selbstverständlichkeiten klingen, bei näherer Betrachtung aber brisanten Konfliktstoff enthalten, und dies gleich beim allerersten Punkt: „Ich gelobe feierlich, mein Leben in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen.“ Dem viertnächsten Versprechen des insgesamt zehnteiligen Kodex zufolge „soll die Gesundheit meines Patienten oberstes Gebot meines Handelns sein“. In beidem klingt die alte hippokratische Gelöbnisversion an: „Ärztliche Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil.“
Kann jemand, der bei Eintritt in den ärztlichen Berufsstand einen solch feierlichen Schwur ablegt, zugleich bedingungsloser Verfechter einer „wissenschaftlichen“ Medizin sein, wie sie ihm während seiner akademischen Ausbildung nahegebracht wurde?
Dazu müssten die Möglichkeiten und Grenzen des wissenschaftlich Begründbaren und therapeutisch Machbaren stets deckungsgleich sein. Aber das tun sie mitnichten. Medizin muss keineswegs zwangsläufig dort enden, wo der Boden "harter" Wissenschaft verlassen wird. Dass ärztliche Heilkunst sich auf Tätigkeiten zu beschränken hat, die durch experimentelle Studien nach physikalischem Vorbild abgedeckt sind, und nur dann ihr höchstes Niveau erreicht, wenn sie sich strikt innerhalb eines von Naturwissenschaftlern vorgegebenen Rahmens bewegt, ist ein fatales Vorurteil. Es entsteht, wenn Mittel und Zweck verwechselt werden. Lautet das oberste Ziel der Medizin denn nicht, Leiden vorzubeugen, zu lindern und zu beseitigen? Dazu kann Wissenschaft nur als Instrument dienen. Sobald die Befriedigung ihrer Ansprüche zum wichtigsten Maßstab für ärztliches Tun gerät, wird der individuelle Patient in seiner Notlage sekundär - und zum Mittel für abstrakte Forschungsziele degradiert.
Alles zu versuchen und nichts zu versäumen, was einem Kranken helfen könnte: Diese Pflicht allein obliegt Ärzten. Insofern muss ihr Berufsethos pragmatisch sein, in erster Linie an voraussichtlichem Nutzen ausgerichtet. Um diesen Nutzen abzuschätzen, ist wissenschaftliche Forschung ein unentbehrliches Instrument, aber beileibe nicht das einzige. Erfahrung ist ein weiteres, deshalb verdient auch sie Respekt. Schmackhaft und gesund gekocht wird auf der Erde nicht erst, seit es die moderne Ernährungswissenschaft gibt. Nachdem Johannes Kepler um 1620 die günstigsten Maße für Weinfässer berechnet hatte, musste er feststellen, dass solche Behältnisse längst von Winzern verwendet wurden. Als Sadi Carnot 1824 seine Theorie der Dampfmaschine entwickelte, waren seine Vorschläge zur Konstruktionsverbesserung längst Maschinenbaupraxis. Dass eine pyramidenförmige Anordnung die dichteste Packung von Sphären im dreidimensionalen Raum ist, konnte erst im Herbst 1998 mathematisch bewiesen werden - eine platzsparende Einsicht, die den Orangenstapeln an Obstständen, der Lagerung von Kanonenkugeln in Wehrtürmen freilich immer schon anzusehen war. Haben Mediziner aus solchen Beispielen nicht abzuleiten, dass Intuition und Erfahrungswissen, handwerkliches und künstlerisches Vermögen dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand mitunter weit vorauseilen? Dass eine vermeintlich "unwissenschaftliche" Behandlungsmethode, wie sie beispielsweise Geistheiler einsetzen, segensreich wirken kann, lehrt das in allen Kulturkreisen der Erde seit Jahrtausenden angesammelte heilkundliche Wissen; die oft jahrzehntelangen Erfahrungen der fähigsten Anwender; die glaubwürdigen Berichte Abertausender von Patienten; und nicht zuletzt die Beobachtungen vieler Ärzte, die getreu einem Leitspruch des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein verfahren: "Denk nicht, sondern schau!"
Erfahrung geringzuschätzen, scheint berechtigt, solange eine Person auf ihren Körper und der Körper auf eine biochemische Maschine reduziert wird. Als solche lässt sie sich erforschen und manipulieren wie jeder andere Mechanismus auch. Doch immer mehr Ärzten schwant, welch verhängnisvollen Irrweg die Wegbereiter der neuzeitlichen Medizin einschlugen, als sie begannen, sich einseitig an ein mechanistisches Menschenbild zu klammern, das eine Transformation von Heilkunde in Humanphysik nahelegte. Medizin war und ist primär keine Naturwissenschaft, ebensowenig wie sich ärztliche Heilkunst in Medizintechnik erschöpft; denn ihr Gegenstand, der Mensch, ist mehr als ein Mechanismus. Er entzieht sich Modellen, Untersuchungen und Eingriffen, wie sie bei Robotern angemessen wären. Wenn bei einem Roboter ein Defekt auftritt, dann deshalb, weil gewisse Teile versagen - und diese können repariert oder ausgewechselt werden. Aber um zu verstehen, warum ein Mensch erkrankt, genügt es nicht herauszufinden, welche Funktionen beeinträchtigt, welche Organe geschädigt sind. Er muss als Ganzes betrachtet und verstanden werden, als einmalige Einheit von Physis und Psyche, in besonderen Lebensumständen, mit einer einmaligen Geschichte. Und nur als Ganzheit ist er auch zu heilen.
Ein solcher Ansatz verbindet die meisten natur- und erfahrungsheilkundlichen Therapierichtungen. Und je mehr Ärzte sich für sie öffnen, desto mehr verbreitet sich unter ihnen eine Denkweise, die sie unkonventionellen Heilweisen näher bringt. (Von unserer neuen Kongressreihe “Die Kunst des Heilens”, mit der wir im kommenden September beginnen, sollen Impulse dazu ausgehen.) Der Trend in dieser Richtung ist unübersehbar: Strenge "Schulmediziner" befinden sich in Wahrheit innerhalb der deutschen Ärzteschaft bereits in der Minderheit.(1) 95 Prozent aller niedergelassenen Allgemeinärzte wenden bereits sogenannte "alternative" Verfahren an: im Durchschnitt vier. Das Spektrum reicht von Homöopathie über Neuraltherapie und Akupunktur bis zu anthroposophischen Heilmethoden. Drei von vier Ärzten arbeiten mit solchen Verfahren bereits seit mindestens zwei Jahren, knapp die Hälfte sogar schon seit über fünf Jahren. Nur 41 Prozent bezeichnen sich selbst noch als reine "Schulmediziner". 48 Prozent sehen sich eher als "Schulmediziner mit alternativer Tendenz", acht Prozent sogar als ausgesprochene "alternative Mediziner". Mehr als die Hälfte erachtet Kritik an der Schulmedizin für notwendig, weitere 43 Prozent halten sie zumindest im Einzelfall für angebracht. Drei von vier Ärzten bemängeln, ihre Ausbildung sei einseitig naturwissenschaftlich ausgerichtet gewesen. 83 Prozent meinen, bei der Fortbildung durch die Ärztekammern kämen alternative Behandlungsmethoden zu kurz. (2) Wird solche kritische Distanz denn nicht von ärztlicher Standesethik geradezu erzwungen? Wer schwört, sein Leben „in den Dienst der Menschlichkeit zu stellen“, tut es ohne den Vorbehalt, diesen Dienst erst anzutreten, nachdem er etliche randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien abgewartet hat.
Harald Wiesendanger, Stiftung Auswege
Quelle: Stiftung Auswege
Homepage: PSI Infos31-03-2009/PIB






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