Was bleibt uns anderes übrig?
„Ich muss dieses, ich muss jenes! Das darf ich nicht sagen, so sollte ich nicht auftreten! So etwas ist nicht schick, das gehört sich nicht...!“
Mit Maßregeln werden wir tagaus, tagein konfrontiert, es liegt an uns, ihnen Glauben zu schenken. Doch das ist leichter gesagt als "getan"! Der Einfluss der gesellschaftlich akzeptierten Benimmregeln und Verhaltenweisen verführt uns ständig, ihnen Folge zu leisten und dem Zwang des Gesellschaftsdrucks zu unterliegen. Der freie Wille beugt sich der Angst, Konsequenzen tragen zu müssen, die unangenehm sein könnten. Auch wenn sich hinter dem "Muss" - welches uns sogleich "entgegengeschmettert" wird von den vermeintlichen Lebensberatern, die uns sofort zur Seite stehen, wenn wir von Problemen erzählen - tatsächlich nur ein wohlgemeinter Ratschlag verbirgt, so wird die Macht der Angst, eine "falsche" Entscheidung zu fällen, im Nu so groß, dass wir nur noch fähig sind, uns gezwungen zu fühlen. Unser Denken interpretiert das Leben dann so, als wären wir ein Opfer der Sachzwänge, der Umstände, die wir nicht beeinflussen können, die einfach passieren und über uns hereinbrechen.
"Hoffentlich geht das gut!", "Da habe ich ja noch mal Glück gehabt!", "Mir ist ein Stein vom Herzen gefallen", "Was bleibt mir anderes übrig?" sind Ausrufe, die genau dieses Dilemma widerspiegeln, in dem wir stecken: Wir fürchten uns vor dem Unglück, welches uns ereilen könnte, wir machen uns Sorgen, dass eine Situation eintritt, vor der uns graut. Wir haben Angst vor der Angst!
Was können wir dagegen tun?
Was tun?
Absichern, kontrollieren, Widerstände aufbauen liegt da doch sehr nahe, es erscheint "regelrecht" logisch. Also haben wir es in die Tat umgesetzt und einen Hochsicherheitstrakt erschaffen, der sich dennoch erfolgreich dagegen wehrt, uns das zu geben, wonach wir uns sehnen: Die Geborgenheit, die uns vor dem Schrecken bewahrt, der uns in die Glieder fährt, sobald in unserem Leben wieder einmal etwas Unvorhergesehenes geschieht, was nicht unseren Vorstellungen vom Glück entspricht.
Haben wir etwa aufs falsche Pferd gesetzt? Ist es besser, von unserem scheinbar niemals ausreichenden Sicherheitsdenken abzulassen? Oh Graus! Alleine der Gedanke, was dann alles passieren kann, setzt dem Sicherheitsfanatiker in mir schon arg zu und erfüllt ihn mit Ängstlichkeit.
Doch etwas anderes sitzt mir ebenso im Nacken und verfolgt mich in diesen Tagen. Da tritt eine prägnante Aussage an die Öffentlichkeit und verbreitet sich wie ein mächtiger Virus in rasender Geschwindigkeit über den Erdball, kaum jemand wird sich wohl auf Dauer seiner Bekanntschaft entziehen können: "Die Energie folgt der Aufmerksamkeit!"
Meine Augen weiten sich, ich bin plötzlich hellwach! Ich weiß nicht warum, irgendetwas an diesem Satz erweckt mein Interesse, er scheint etwas Verborgenes tief in meinem Inneren anzusprechen. Die Worte begegnen mir wieder und wieder, als wollten sie eindringlich auf ihren wertvollen Gehalt hinweisen. Mir wird erklärt, dass dieser "Mechanismus", den wir selbst – bewusst oder unbewusst - betätigen, dafür verantwortlich ist, dass unsere Lebenssituationen entstehen. Er sei es, was unserer Welt mit all ihren Erfahrungen und ständigen Veränderungen zugrunde liegt.
Ich bitte um Aufklärung, was denn genau mit Aufmerksamkeit gemeint ist und erhalte die Antwort, dass dieses Wort in der Tat häufig zu Missinterpretationen führt. Zunächst einmal wird uns keineswegs empfohlen, uns zu verschließen vor dem, was uns stört. Ganz im Gegenteil, Aufmerksamkeit beinhaltet Offenheit - alles akzeptieren, wie es ist, alles anerkennen ohne es zu beurteilen. Denn sobald wir auf irgendetwas eingehen und sei es, indem wir uns aufregen, verteidigen, gegen das Störende wehren, indem wir verurteilen, unterdrücken, verdrängen oder indem wir uns ärgern oder sorgen, geben wir ihm vermehrt Aufmerksamkeit und damit unsere Energie. Das führt dann zur Verstärkung dessen, was wir verhindern wollen. Statt Gegenwehr zu leisten wäre es also ratsam, unsere Reaktion dem zu widmen, was uns aufrichtet und liebevoll am Herzen liegt, während wir allem anderen gegenüber eine Art Passivität aufbringen, es einfach nur sein lassen, was es ist, ohne auf eine Bewertung "hereinzufallen".
Die Konsequenzen tragen
Doch was hat das mit Sicherheit und Zwang zu tun?
Nehmen wir einen anderen wohlgemeinten Ratschlag, mit dem wir in zunehmendem Maße konfrontiert werden und der uns in verzwickten Situationen schon so manchen Schauer über den Rücken laufen ließ: "Es steht uns frei, zu entscheiden. Wir müssen nur die Konsequenzen tragen!"
Aber was sind denn die Konsequenzen? Wenn ich das im Vorfeld so genau wüsste! Dann würden mir die Entscheidungen viel leichter fallen. Doch ich weiß es nicht und das macht mir zu schaffen. Was ist denn gut, was ist denn schlecht? Was ist denn richtig, was ist denn falsch? Wonach soll ich das bewerten? Ist es nicht meist die Angst, die mich zur Entscheidung treibt? Die Angst vor Konsequenzen wie Unglück, Unheil, Katastrophe oder einfach vor Langeweile oder Tristesse? Wie oft entscheide ich mich im Leben fürs kleinere Übel und wäge dabei nur die eine Angst gegen die andere ab? Ich reagiere aus Angst und Verbitterung und will mich mit meinen Entscheidungen vor dem absichern, was ich befürchte und was mir Kummer bereitet! Ich strebe nach Sicherheit aus der Befürchtung heraus, es könnte etwas Schlimmes passieren und fokussiere damit meine Vorstellung genau auf das, was ich nicht Realität werden lassen möchte. Ich wende mich dem zu, was mir Sorgen bereitet, was ich nicht wahrhaben möchte, ich nehme mir die Dinge zu Herzen, meine Aufmerksamkeit ist auf das gerichtet, was mich betrübt, meine Energie kommt dem zu"gute", was mich beim Blick in die Zukunft verängstigt.
Und durch diese Energie erschaffe ich genau das, was ich vermeiden will – oder mit einem anderen heute sehr geläufigen Wort: ich manifestiere das, was ich vereiteln will, indem ich danach trachte, es zu kontrollieren und in Schach zu halten.
Alles Quatsch? Ich kann nicht selbst meine Erfahrungen erschaffen? Meine Umstände ergeben sich durch Zufälle und durch das Übel der Menschheit?
Manchmal ist der Zweifel das Tor zu mehr Klarheit, nicht immer ist er der Samen für die Verzweiflung.
In mir regt sich etwas! Der Zufall erscheint mir allzu unwahrscheinlich. Es widerstrebt mir, daran zu glauben, dass die Sache mit der Energie und der Aufmerksamkeit ganz ohne Absicht so vehement nach Einlass in mein Leben strebt.
Woran ich glaube, ist das nicht der Bereich, dem ich meine Aufmerksamkeit widme? Wenn ich an eine böse Welt oder an Strafe glaube, werde ich sie erzeugen. Glaube ich dagegen an eine liebevolle Welt, werde ich eine solche erschaffen – meine eigene Energie sorgt dafür. Glauben ist Energie und erzeugt die Umstände, die sich in meinem Leben ergeben!
Soll ich das glauben, kann ich das glauben? Was ist, wenn ich es nicht glaube? Der Gedanke bereitet mir Angst.
Die innere Stimme
Immer mehr Fragen stürmen auf mich ein. Eine innere Stimme "erbarmt" sich und antwortet mir.
Wie komme ich hier raus? Was kann ich gegen die Angst tun, wenn ich mich nicht absichern darf?
Sie akzeptieren? Wie soll ich das schaffen?
Indem ich sie aushalte, keine Reaktion zeige? So stark bin ich nicht! Mut, ja, da hätte ich gerne mehr davon! Leider kann man den nicht kaufen.
Ich soll aufhören, daran zu glauben, dass diese Welt schlecht ist und dass man mir etwas antun will? Ich soll glauben, dass ich selbst verantwortlich bin für alles, was in meinem Leben passiert, dass ich es selbst - meist unbewusst - kreiere? Das hieße ja, ich bestrafe mich selbst und will für meine Sünden bezahlen!
Die Sünde gibt es nicht? Alles ist schon vergeben, bevor ich zur Tat schreite? Oh, das beruhigt mich, aber mit dem Verständnis hapert es noch!
Manchmal ist es vorteilhaft, zu verstehen, dass es möglich ist, etwas zu wissen ohne es zu verstehen? Es gibt kein Karma in dem Sinne, dass wir alles wiedergutmachen müssen mit einer Ausgleichstat? Es gibt keine Strafe? Wir brauchen nur unser Verhalten hier und jetzt zu ändern, um uns von negativen Erfahrungen zu befreien, die wir bislang nicht loslassen konnten? Dadurch ändern sich unsere Lebensumstände und die negativen Erfahrungen lassen uns in Ruhe?
Die Frage wäre also, wem ich meine Aufmerksamkeit gebe. Worauf reagiere ich und bin ich stark genug, mich nicht ablenken zu lassen? Bin ich fähig, auch in unangenehmen Situationen liebevoll, gelassen und voller Vertrauen zu bleiben?
Aufwachen
Wer schafft es schon, zu lieben, wenn er oder sie Angst hat? Mir scheint, dazu ist es not-wendig (im wahrsten Sinne des Wortes), mehr Bewusstsein zu erlangen, um der Angst Vertrauen und einen standfesteren Glauben, ein Wissen, entgegenzusetzen. Aber wie?
Zuhören, über mich selbst lachen, alles beobachten, was ich fühle, denke, rede und tue, ehrlich sein, Zuversicht üben, Respekt zeigen und Konkurrenzdenken aufgeben, akzeptieren und über niemanden richten, jede unangenehme Situation des Lebens als meine eigene Kreation ansehen, die ich wieder abbestellen kann, indem ich sie geschehen lasse ohne mich aufzuregen oder zu entsetzen.
Es scheint, es gibt viel zu tun, um bewusster Herrscher über Gefühle und Gedanken zu werden. Aber ich wage es, die These aufzustellen, dass es wohl weniger ist als ich zu tun geneigt bin, um meine Opferrolle aufrechtzuerhalten. Es ist zunächst alles eine Frage des Vertrauens oder des Zweifels, wem ich meine Energie widme. Das erfordert höchste Disziplin und Konzentration. Das benötigt viel Kraft, um das Bewusstsein darüber nicht zu verlieren, worauf ich meine Aufmerksamkeit lenken will. Ist Liebe das Motiv meiner Tat? Oder ist es Angst?
Kann ich das alleine schaffen? Brauche ich Unterstützung? Soll ich Hilfe in der Gemeinschaft suchen? Da besteht ja die Gefahr, dass ich mich ablenken lasse, je nachdem, mit wem ich mich einlasse! Mir scheint, es gibt Zeiten, da ist es das Förderlichste, allein zu sein, um zu erkennen, was All-ein-sein wirklich bedeutet: Wir sind alle eins!
Das haben wir vergessen, das mussten wir vergessen! Wie sonst hätten wir erfahren sollen, was es heißt, nicht das zu sein, was wir wirklich sind: Liebe.
Diese Welt ist so lebendig,
wie oft zeigt sie sich mir erkenntlich,
wenn ich nur wachsam durch die Tage geh
und nicht fortan die Klage seh,
die, auch wenn sie scheint berechtigt,
so oft das Übel nur verdächtigt.
Das Gute ist doch immer nah,
ja, auch das Unglück hilft sogar.
Jedes Mal bin ich gerührt,
wenn der Weg mich dorthin führt,
wo Liebe mich erwartet,
die zur Freude gleich ausartet.
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Für mich ist es nicht ein Trost,
dass andere mit mir leiden.
Es scheint, hier wird nur noch gelost
und das Glück muss dann entscheiden,
wem gebührt hier mehr
zu des anderen Last.
Wir machen uns das Leben schwer,
wir pflegen den Kontrast.
Peter Sprehe
mailto:Sprehe.Leonard@t-online.de
16-03-2004/abm






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